So bunte Farben

Warum bloß sind die Blätter im Herbst so bunt? Eine absurde Frage? Man kann sich doch einfach nur dran freuen. Freuen an der Farbenpracht, bevor in unserer Klimazone das lange Wintergrau einzieht.

Aber im Zeitalter von Photoshop gerät ein Fotograf nur allzu schnell in den Verdacht, zu doll an den Farbreglern gedreht zu haben. Und in der Tat: Die Farbsättigung, den Kontrast etwas zu erhöhen, machen wir alle gerne. Aber es geht mir mittlerweile gehörig gegen den Strich, wenn kaum noch ein Landschaftsbild mit halbwegs normaler Wolkenstimmung gezeigt wird. Wenn wir tatsächlich ständig unter solch dramatischen Himmeln leben müßten, würden wir wohl meschugge werden.

Die ewig dramatischen Himmel aus Photoshop

Die ewig dramatischen Himmel heutiger Landschaftsaufnahmen sind aber etwas anderes als pralle Herbstfarben. Auch wenn kein Foto die Realität wird je objektiv korrekt wiedergeben können, so gibt es doch ein Gefühl dafür, wann der Bogen überspannt wurde. Jedenfalls dann, wenn wir genauer hinschauen. Aber das tut eben keiner mehr, dafür ist keine Zeit.

Ob es sich um maskenhafte Coverfotos von Stars oder übertrieben aufgedonnerte Naturaufnahmen handelt, bleibt eigentlich gleich. So wie sich ein Großteil der modernen Menschen die Feinheiten ihres Geschmacks durch Fertiggerichte und Fastfood verdorben haben, so gefährdet ist heute der Sinn für stimmigen Farbausdruck. Und weil gewinnt, wer am schnellsten Aufmerksamkeit einfängt, wird immer heftiger mit Fotosoftware manipuliert, die uns heute in breitestem Maße zur Verfügung steht.

Die feine Grenze zwischen Betonung und Fake bei Fotos

Die social media streams quellen über von Naturbildern. Immer lauter werden die Abbildungen, immer spektakulärer die Szenerien. Grad im umgekehrten Verhältnis zum Zustand der “unberührten” Natur und der Zeit, die die meisten darin verbringen. Die Bilder werden immer schreiender, die Begleittexte schwärmerischer, das Ganze scheint mir angesichts der Zerstörungen immer absurder.

Ist diese gigantische Menge an digitalen Naturbildern eher ein Ausdruck der Sehnsucht nach der heilen Welt oder der Beweis für die unüberwindbar gewordene Distanz zu ihr? Sind die ins unerträgliche gesteigerten “Verschönerungen” der Natur von Mensch und Landschaft in der Fotografie wirklich nur der Ausdruck einer Gesellschaft, die den eigentlich lebensnotwendigen Sinn für die Realitäten verloren hat?

Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, daß der Eindruck, den ein Augenblick in der Natur in mir hervorgerufen hat, mir nie wie eine Vergewaltigung vorgekommen ist. Das Unabwendbare, das draußen seine ganze Härte entfalten kann, mag wohl schmerzhaft zu ertragen gewesen sein, aber es war nie hinterhältig. Es war klar, faktisch und ganz und gar nicht scheinheilig. Genau das Gegenteil von so manchem Foto von eben dieser Natur.

Blätter im Herbst

Natur ist einfach nur langweilig

Es gehört jedoch eine Menge Erfahrung und Geduld dazu, in nicht langweiliger Weise Bilder einzufangen, die die im Normalfall als schrecklich langweilig empfundene Natur “natürlich” wiedergeben. Es ist viel einfacher mit der Software nachzuhelfen, als sich auf Wind und Wetter einzulassen und über Jahre ein Auge für Licht und Motiv zu entwickeln. Vor allem verlangt der Bildermacher heute unnachgiebiger denn je von sich, auf keinen Fall zu langweilen. Anstatt zu versuchen ein persönliches Gefühl für die Situation aufkommen, sich entwickeln und bildhaft werden zu lassen, huldigt man dem Sieg über die Langeweile. Wenn schon das Motiv nichts hergibt, so soll doch wenigstens die Dramatik einer Himmelskulisse oder der Farbkontrast was hermachen.

Ja. Es ist ein feiner Grad, der den Fotokitsch vom Können trennt. Fotokunst wird sicher nie durch Software geschaffen, so unverzichtbar diese auch ist. Und soviel Spaß es auch macht, damit herumzuspielen. Für mich ziehe ich die Grenze ihrer Anwendung dort wo die Effekthascherei beginnt. Ich versuche nicht Kontraste um der Kontraste willen zu erhöhen, sondern um meinem Empfinden des Anblicks oder Moments gerecht zu werden.

Überwältigende Herbstfarben – darum sind die Blätter im Herbst so bunt

Wenn die krassen Farben der sonst einheitlichen Blätter zu den dunkler werdenden Tagen kontrastieren, dann versetzt dies in Erstaunen. Geradezu kindlich werde ich von der Buntheit der Blätter im Herbst in den Bann gezogen. Und gerade soweit schraube ich die Farben hoch, wenn das Licht des Augenblicks für mehr Brillanz nicht reichte. Gerade so stark, daß mein Gefühl vermittelt wird. Meine Interpretation soll nur ein Angebot zur Sicht sein. Mein Gefühl will ich niemandem aufzwingen. Die Regler der Fotobearbeitung werden grad soweit genutzt, daß ein feiner Anreiz entsteht. Mehr nicht.

Der Baum sammelt seine Kraft

Das dominierende Grün des Chlorophylls – die durch die Sonne entfaltete Energie – sammelt der Baum im Herbst in Ästen und Stamm. Das darunter liegende Gelb der Blätter kommt bei diesem Rückzug des Chlorophylls vor der Kälte hervor und das Rot der Warnung, sich nicht auf diesen bald absterbenden Flächen anzusiedeln, ist noch ein letzter Freundschaftsdienst an die Mitbewohner der Lebensgemeinschaft des Baums.

Die Zeit der Pause, der innere Rückzug im Winter bedarf der Sammlung der Kräfte für den Neuanfang. Ruhe ist die Voraussetzung für Entfaltung. Es darf, es kann nicht immer nur bunt sein. Auch bei den Fotos nicht.

 

 

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