Farbenwandel vor der Nacht

Es soll ja Menschen geben, die keine Sehnsucht und Melancholie kennen. Oder sollte man besser sagen: Menschen, die von Sehnsucht und Melancholie so wenig wissen wollen, daß sie sie nicht wahrnehmen. Die sich so sehr davor fürchten, daß sie eine strenge Mauer der Selbstzensur eingebaut haben und der Meinung sind, diese Empfindungen spielten in ihrem Leben keine Rolle.

In gewisser Weise kann ich gut verstehen, daß mancher sein Leben davon nicht stören lassen möchte. Der Blick auf den Grund der Seele läßt Probleme an die Oberfläche steigen, die man nicht zu lösen weiß. Die glatte, schimmernde Fläche des Flusses macht seine Tiefe und Strömung vergessen, ebenso soll der Alltag glatt und ruhig bleiben. Das Überleben hat Vorrang, Wunschträume stehen ganz hinten an.

Wandel der Farben zur Dämmerung

Doch Sehnsucht und Melancholie bestehen wie die Farben zur Nacht. Und ebenso wie diese intensivieren sie sich zur Stunde des Wandels. Wenn die Dämmerung nach einem strahlenden Tag hereinbricht, bekommen die Farben mehr Tiefe. Sie leuchten zwar noch in der Erinnerung, aber in Wahrheit beginnen sie grau zu werden. Nur in dem kurzen Moment vor dem Verblassen bekommen die Farben diese Schwere und Tiefe, die ich so mag.

Was im vollen Licht wie oberflächliches Farbgeglitzer scheint, kommt mir nun wie ihre wahre Natur vor. Die Stunde der Dämmerung erhellt gewissermaßen. Zur Dämmerung offenbaren sich die tieferen Schichten des Lebens. So wie man gefühliger wird beim Untergang des Lichts, so werden die Farben beseelter. Der Sonnenuntergang ist nicht nur ein Farbspektakel, er rührt uns auch deshalb so an, weil wir die tieferen Schichten unseres Wesens deutlicher wahrnehmen. Wir erkennen, daß es uns nicht genügt zu existieren. So wie die Farben Tiefe gewinnen zur hereinbrechenden Nacht, erkennen auch wir unsere wahre Natur, die wir grad in diesem Moment so schwer leugnen können. Sie mag immer wieder zur Ruhe gebracht werden, aber sterben wird unsere Natur in der Schwärze der Verdrängung nicht. Ebenso wenig wie die Farbe je ganz aus dem Leben schwindet.

Sehnsucht und Melancholie offenbaren sich zur Dämmerung. Jetzt bewegen uns die tieferen Schichten der Seele wie Farben im Wandel des Lichts.

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